Homo Portans auf dem Historikertag: ein Rückblick von Annette Kehnel

Dies ist ein Beitrag von Prof. Dr. Annette Kehnel, Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte an der Uni Mannheim. Annette Kehnel hat das Projekt Homo Portans initiiert und das Thema auf dem Berliner Historikertag der Fachwelt präsentiert. Mit etwas zeitlichem Abstand wagt sie nun einen Rückblick auf die Sektion und fasst die Ergebnisse der Vorträge zusammen.

Der 48. Deutsche Historikertag war ein gelungenes Take-Off für das Projekt Homo Portans.

Tragen macht Spaß und die Suche nach Entlastung auch. Ganz besonders kreativ war die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kunst. Noch bevor der Dresdner Kultursoziologe Karl-Siegbert Rehberg einleitende Anmerkungen zum Thema aus Sicht der philosophischen Anthropologie (Max Scheler, Helmuth Plessner, Arnold Gehlen) an den Grenzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften entfaltete, hatte die Künstlerin Anja Schindler aus Klotten an der Mosel die künstlerische Performance einer Trageprozession orchestriert. Strahlend blaue Tragegestelle, Körbe, Koffer und Mohnblume wurden durch die ehrwürdigen Hallen der Humboldt-Universität zu Berlin getragen – ein Hingucker, Lust auf mehr, Spaß an der gemeinsamen Aktion und Sehnsucht nach Entlastung.

Noch während Johannes Paulmann die von aufgeklärtem Vorwissen, Mitleid und politischer Korrektheit konditionierte Sicht der Rolle des Homo Portans im Kolonialismus hinterfragt (über Rudyard Kipling, The White Man’s Burden, Tintin im Kongo und Tenzing Norgay, den Träger Edmund Hillary’s auf dem Mount Everest 1953) lenkten die Trageprotokolle der Architektursoziologin und Aktionsmangerin Ulrike Scherzer die Aufmerksamkeit auf jenen Ballast des Alltags, den jedermann und jedefrau noch im 21. Jahrhunderts klaglos mit sich rumschleppt. Eigentlich sind Wohnkonzepte im Alter ihr Thema. Aber Wohnen ohne Tragen macht weder Spaß noch Sinn.

Aktuelle Themen, zeitgenössische Kunst und Wissenschaft ergänzen einander. Sie erweitern den Horizont. Etablierte Bilder, vertraute ways of seeing (John Berger), liebgewonnene Weltbilder sind schön – der Mensch braucht Sicherheit, Werte und feste Vorstellungen davon, wie die Dinge sind. Doch Wissenschaft ist von Natur aus neugierig und lebt von dem menschlichen Bedürfnis „über Grenzen“ (Historikertagsthema) zu gehen. Vertrautes und Erhofftes sind nicht immer wahr. Diese Prämissen teilen Wissenschaftlerinnen und Künstler in einer ganz grundlegenden Art und Weise. Darauf wies auch Christian Holtorf, Deutsches Hygiene-Museum, Dresden, hin.

Rotkäppchen und der Gender-Aspekt

Die Erzählforscherin Mirjam Mencej stellt vor diesem Hintergrund das Rote Käppchen von Rotkäppchen in eine lange Erzähltradition seit Egbert von Lüttich, Fecunda Ratis im 11. Jahrhundert bis zu Märchen und Sagen aus Wälschtirol 1867. Die Vorstellung, dass Tragen Frauensache sei, hinterfragt kritisch die promovierte Biologin und Verhaltensphysiologin Sigrid Schmitz (Genderforschung Universität Wien) in einer Kurzpräsentation gängiger evolutionstheoretischer Thesen zur Genese moderner Gesellschaftsstrukturen. Die Frau als diejenige, die Früchte und Kräuter sammelt und nach Hause trägt, während der Mann auf der Jagd die Beute erlegt, platziert sie punktgenau in der Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts – Bilder der Wissenschaft, die zwar viel über die Geschlechterverhältnisse des 19. Jahrhunderts, jedoch rein gar nichts über die Verhältnisse der neolithischen Zeit aussagen.

Was aber trug frau oder man in der Steinzeit? Zu den ältesten Tragefunden zählen weder Taschen noch Körbe noch Krüge – wer trägt schon in Taschen aus Stein? Stattdessen finden die Archäologen immer wieder Schmuck aus Elfenbein oder Knochen, die bis zurück in die Altsteinzeit datiert werden können. Sibylle Wolf stellte die Venus vom Hohlen Fels vor, eine über 30.000 Jahre alte und sechs Zentimeter große Frauenfigur mit katastrophalem Body-Maß-Index, die 2008 auf der Schwäbischen Alb in der Nähe von Schelklingen von Archäologen des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen gefunden wurde. Solche Frauenfiguren hat man unmittelbar am Körper als Anhänger getragen, darüber ist sich die Forschung einig. Zum Schutz? Als Schmuck? Als Maskottchen oder Amulett? Hier treffen sich Kunst und Wissenschaft schon in der Steinzeit.

Der Papst und seine Bürde

Der menschlichen Fähigkeit zu tragen steht das Bedürfnis getragen zu werden gegenüber. Diesen in der Keynote von Karl-Siegbert Rehberg betonten Aspekt hat die Theologin Maria Häusl in der Vorstellung der tragenden Gottheit in vorderorientalischen und alttestamentlichen Texten konkretisiert. Hier findet das Bedürfnis nach Entlastung auf den Schultern eines allmächtigen Gottes oder in den Armen einer liebenden Göttin Ausdruck. Die Götter wiederum lassen sich ihrerseits seit Jahrtausenden, in den verschiedensten Kulturen und Religionen feierlich in Prozessionen durch die Städte und über Grenzen tragen. Auch Macht lässt sich tragen ‑ und dass die Bürde der Autorität schwer lastet auf dem, der sie zu tragen hat, zeigte Agostino Paravicini Bagliani eindringlich am Beispiel der mittelalterlichen Päpste als Träger göttlicher Autorität.

Noch schwerer wird es nur bei den mittelalterlichen Lastenträgern, Fasszieher und Karrer, die Logistikunternehmer der mittelalterlichen Städte – „ein smit sol smiden, ein bader baden, ein jäger jagen, ein trager tragen“ (Frauenlob). Das zeigte Sabine von Heusinger in einer kleinen Geschichte der Zivilisation als einer Geschichte der Entlastung vom Tragen.

Über Steine tragen als Schandstrafe für Frauen im Mittelalter arbeitet Jörg Wettlaufer im Rahmen seiner Forschungen zur Geschichte des Schamgefühls im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Mittelalterlich scheint dieser Befund, doch lässt sich das Tragen als Strafe bis in die Gefangenenlager des 20. Jahrhunderts verfolgen. Irritierende Befunde, die Peter Steinbach vorstellte – eine alte Geschichte, schon von den Göttern erfunden, damals als Zeus den Sisyphos für seine Durchtriebenheit für alle Ewigkeit zum Steinetragen verdammte.


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