Homo Portans und die Öffentlichkeit

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Christian Holtorf, Leiter der Abteilung Wissenschaft im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden, der Homo Portans als anschlussfähiges Projekt einschätzt, dem der Spagat zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gelingen könnte:

Gute Wissenschaftler erzählen gute Geschichten. Sie dienen dadurch auch intellektuellem Vergnügen und kultureller Teilhabe, kurz: sie wirken entlastend. Eine solche “gute Geschichte” liefert auch das Projekt Homo Portans, das sich von vornherein als öffentlichkeitswirksames “Projekt” versteht und sich das Zeigen von Kunst, eine Publikation und schließlich eine Ausstellung zum Ziel gesetzt hat, also mit großer Energie in die Öffentlichkeit drängt.

Das Projekt Homo Portans will gemäß seiner eigenen Broschüre, seiner eigenen Homepage und seiner “Fanpage” bei Facebook die Leser ausdrücklich inspirieren und faszinieren. Seine Erzählung handelt von menschlichen Bedürfnissen, “lässt Antworten erwarten” und will Sinn vermitteln. Aber warum ist dies alles hier so wichtig und so zentral? Natürlich ist das gelungene Erzählen der Normalfall jeder guten historischen Geschichte. Wenn aber das Erzählen auch der Anerkennung dient und dadurch finanzieller, sozialer und methodischer Druck von den Schultern desjenigen genommen werden soll, der das Forschungsprogramm entworfen hat, entsteht dann nicht ein Widerspruch zu der hier zu diskutierenden These, dass der Mensch sich gerade durch das Tragen auszeichnet?

Zur Lösung dieses Problems habe ich zwei Möglichkeiten vorgeschlagen. Zum Einen könnte gegenüber dem Portare das Narrare in den Vordergrund der wissenschaftlichen Erzählung rücken. Dadurch wäre der Drang an die Öffentlichkeit theoretisch eingefangen und durch den Fokus auf die Sprache zugleich ein Schwerpunkt auf das symbolische Tragen gesetzt, dass den Menschen gegenüber anderen, ebenfalls tragenden Lebewesen auszeichnen könnte. Zum Anderen ließe sich das Entlastungsbegehren der Homo Portans-Forschung dadurch erklären, dass ergänzend vom Homo portans portatus gesprochen wird. Dadurch wäre zugleich das überaus spannende Wechselverhältnis zwischen Tragen und Getragenwerden, zwischen Belastung und Entlastung in den Mittelpunkt der Argumentation gerückt – wo es meines Erachtens hingehört.

Am Beispiel des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit lässt sich das Unternehmen Homo Portans in einen Rahmen stellen, der die Rezeption miteinbezieht und das Projekt nicht zuletzt in eine Geschichte des Vergnügens an Forschung und der Unterhaltung durch Wissenschaft einordnet – und ihn also ein wenig von der zweifelhaften Lust an der Last befreit. Das Gewicht des Homo Portans verschiebt sich dadurch vom materiellen oder symbolischen Gepäck zum körperlichen Ausdruck. Nicht die Größe der Last, sondern die Art und Weise des Tragens erscheinen aus dieser eher formalen Argumentation – ebenso wie aus manchen inhaltlichen Erwägungen, die während der Tagung vorgetragen wurden, - als ein interessantes neues Forschungsfeld.


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