Das Tragende in der Geschichte der Begriffe

Im Rahmen des Projektseminars „Homo Portans“ betrachtet Sina Steglich, Studentin an der Universität Mannheim und wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte I, Prof. Dr. Johannes Paulmann, die begriffsgeschichtliche Dimension des Tragens.

 

Der Homo Portans gibt sich zunächst nur vage zu erkennen: Denn was genau meint er, wenn er zu tragen beginnt? Und was, wenn er sich als Träger benennt? Bezieht er sich vorrangig auf Lasten, auf das Tragen von Gegenständen im Alltag? Oder geht es ihm vielleicht doch eher um ein großes Maß an Herrschaft und Macht bzw. einfach um ein konsequentes Leben in Toleranz gegenüber seinen Mitmenschen? – Ein kurzer Streifzug durch unterschiedliche Quellen gibt erste Anhaltspunkte auf der Suche nach dem Tragen: Ob im Testament, in der Literatur oder in der Wissenschaft: Überall wird getragen. Doch offen bleibt zunächst die Klärung dessen, was jeweils darunter verstanden werden könnte.

Tragen auf verschiedenen Bedeutungsebenen

Es lassen sich Kinder, Körbe und Kleidung tragen. Aber gleichermaßen auch Verträge unterzeichnen, Anträge stellen und die Tragweite eines Geschützes oder einer Handlung ermessen. Allein diese Beispiele veranschaulichen die Vieldeutigkeit des Begriffes. Denn zunächst gliedert sich das Tragen in ein materielles und ein immaterielles. Neben der physischen steht schon früh die komplementäre Bedeutung des Tragens im über-tragenen Sinne. Diese zwei Ebenen sind allerdings keine Besonderheit des Deutschen, im Gegenteil: In den meisten europäischen Sprachen kann sich „tragen“ sowohl auf einen Rucksack beziehen als auch auf einen Namen.

„Selig sind, die da Leid tragen, denn sie werden getröstet werden.“ (Mat. 5, 4). So heißt es bereits im Neuen Testament. Zusätzlich zu den genannten Bedeutungsebenen scheint dem Tragen demnach etwas Positives und etwas Negatives immanent zu sein. Nicht umsonst bedient man sich daher dieses Begriffes gleichermaßen, um die Schwere seiner Lasten zu verdeutlichen und die Bedeutung seiner Herrschaft zu betonen.

Im Rahmen des Projektes gilt es daher, u.a. diese beiden begrifflichen Charakteristika mit zu bedenken. Denn nur so lassen sich mögliche semantische Verschiebungen bzw. Entwicklungen nachvollziehen und historisch kontextualisieren.

Begriffe tragen Geschichte – Geschichte trägt Begriffe

Johann Heinrich Zedler, Universallexicon

Auf der Grundlage eines nahezu überall präsenten und doch sehr wenig eindeutigen Tragens basiert die hier vorgestellte begriffsgeschichtliche Betrachtung. Sie orientiert sich an der Methode Reinhart Kosellecks – auch wenn diese nur teilweise auf das sehr heterogene „tragen“ angewandt werden kann. In den Blick genommen werden nicht nur Aspekte des sehr umfassenden Begriffsfeldes „tragen“ in der deutschen Sprache, sondern vor allem auch solche Begriffe, die etymologisch auf dieses zurückzuführen sind. Als Quellengrundlage dienen dabei Lexika, die seit der Aufklärung entstanden. Dazu zählen u.a. das von Johann Heinrich Zedler im 18. Jahrhundert herausgegebene „Universallexicon“ als auch das später folgende „Deutsche Wörterbuch“ der Gebrüder Grimm. Dadurch sei nicht nur die Bedeutungsvielfalt des Tragens in synchroner Perspektive betrachtet, sondern zugleich auch einer möglichen begrifflichen Wandelbarkeit nachgegangen. Denn die Entwicklung eines Begriffes spiegelt immer auch außersprachliche Tendenzen wider. So tragen Begriffe in den für Historiker unerlässlichen Quellen nicht nur Geschichte(n), sondern auch die Geschichte trägt und variiert Begriffe.

Geschichte des Begriffes als Teil der Kulturgeschichte des Tragens

Tragen kann als ein soziokulturell selbstverständliches Phänomen verstanden werden. Und dennoch oder gerade deshalb bietet es begrifflich eine erstaunliche Verbreitung und Variation, die sich historisch nachzeichnen lässt. Eine Kulturgeschichte des Tragens ist mitunter auch in der Geschichte des Begriffes selbst wieder zu erkennen. Das Projekt möchte daher den „Homo Portans“ vom Getreide bis hin zur Toleranz begleiten.


2 Kommentare

  1. Kurfuerst Ruprecht sagt:

    Ein wirklich interessantes Projekt, das erfrischenderweise kein Einzelphänomen bearbeitet, sondern begriffliche Grundlagen erhellt. Einzelprojekte dieser Art erscheinen mir, bei aller Interdisziplinarität und Weitläufigkeit, wichtig, um die wissenschaftliche Fundierung des Gesamtprojekts nicht aus dem Auge zu verlieren.
    Um im Bild zu bleiben: Frau Steglich erarbeitet das Fundament, welches die Projekte, die den „homo portans“ für sich bereits auf eine begriffliche Deutung verengen, gemeinsam „trägt“ und zusammenführt.
    Ein ambitioniertes Vorhaben. Dazu viel Erfolg!

  2. hk_87 sagt:

    Dem vorherigen Kommentar kann ich mich nur anschließen. Das Projekt bringt sehr schön zum Ausdruck, welche Bedeutung die semantische Herangehensweise als Basis für alle weiteren Betrachtungen innerhalb des Homo portans hat!

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