Das Trauma vom Tragen

Dies ist ein Beitrag von Vanessa Wormer, Teilnehmerin im Master-Projektseminar “Homo Portans” und studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte. Mit ihrem Poster “Das Trauma vom Tragen” widmet sich Vanessa Wormer einem zeitgeschichtlichen Thema aus lokaler Perpektive.

 

Was würde ich mitnehmen, wenn ich fluchtartig mein Haus, mein Dorf, meine Heimat verlassen müsste? Für viele Menschen weltweit spiegelt diese Frage eine traurige Lebensrealität wider. Das Trauma der Flucht, Vertreibung und Evakuierung ist ein immer wiederkehrendes Phänomen der Menschheit, ausgelöst durch Kriege, Despoten, Naturkatastrophen.

Kraichtal-Neuenbürg bei Bruchsal

Auch die Bewohner des ehemals kleinen Bauerndorfes Neuenbürg bei Bruchsal wurden 1945 mit dieser existenziellen Situation konfrontiert. Am 13. April rückten französische Soldaten an und überreichten dem Bürgermeister von Neuenbürg einen unmissverständlichen Befehl: Bis zum Abend sei das Dorf vollständig zu räumen.

Am Ortsausgang standen bereits Lastwägen mit über 500 ehemaligen Häftlingen des Konzentrations- und Arbeitslagers Vaihingen an der Enz (Außenlager des KZ Natzweiler), das am 7. April von der ersten französischen Armee befreit wurde. Die befreiten Häftlinge sollten zur Quarantäne und Erholung im abgeschiedenen Neuenbürg untergebracht werden.

Zeitzeugen berichten

Die Neuenbürger traf die Evakuierung ihres Dorfes völlig unvorbereitet – nun musste alles schnell gehen: Unter Aufsicht der französischen Soldaten packten die Neuenbürger ihren Hausrat. Die meisten Familien besaßen landwirtschaftliche Fuhrwerke und Handwägelchen, die beladen werden konnten. So machten sich die Neuenbürger in der Dämmerung auf den Weg in die umliegenden Ortschaften. Dort fanden sie Unterkunft – bei Verwandten, Bekannten oder völlig Fremden. Die Rückkehr in ihr Heimatdorf war den Neuenbürgern untersagt, einzig die Bestellung der Felder wurde gebilligt. Erst nach neun Wochen, am 13. Juni 1945, erreichte die Evakuierten die lang ersehnte Nachricht: Sie durften in ihr Dorf zurückkehren – die französischen Besatzer hatten den Landkreis Bruchsal zu Gunsten der Amerikaner zu räumen.

Für die Posterpräsentation in Dresden wurden vier Zeitzeugen befragt, die sich an das hektische Packen erinnern, aber auch von zurückgelassenen Schafen, toten Hühnern und Omas Gesangbuch zu berichten wissen – wie zum Beispiel die heute 80-jährige Margarete Dengel:

“Wir hatten die Oma im Haus, dann haben wir ihr gesagt, sie soll ihre Sachen halt ein wenig zusammen packen. Als wir den Koffer hoch gehoben haben, haben wir gesagt: ‘Was hast Du denn da drin?’ Der war so leicht! Ein Gesangbuch, ein Gebetbuch und ich glaube zwei, drei Kleider. Man kann es sich nicht vorstellen. Hinterher hat man auch gesagt, warum hat man dies und jenes nicht mit.”


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