Die Tiara – das zur Schau getragene Selbstverständnis der Kirche

Dies ist ein Beitrag von Nicolas Dvorak. Er studiert im zweiten Semester den Master-Studiengang „Kultur und Wirtschaft: Geschichte“ an der Universität Mannheim. Als Teilnehmer des Projektseminars „Homo Portans“ untersucht Nicolas Dvorak die Papstkrone (Tiara) hinsichtlich ihrer Funktion als Bedeutungsträgerin von göttlich legitimierter Autorität.

 

Pius XII. (1939 - 1958)

Als sichtbare Insignien der Macht verweisen Kronen seit jeher auf die hinter ihnen stehenden, unsichtbaren Systematiken von Autorität, Repräsentation und Legitimation. In erster Linie erfüllen Kronen also keinen Selbstzweck, sondern sie verweisen auf einen weit wichtigeren und größeren Sach- und Bedeutungszusammenhang. Der Träger einer Krone fungiert dabei in vielen Fällen fast ausschließlich nur als Träger eines bestimmten Auftrages, nicht aber als geschmückte Autoritätsperson an sich. Im Kultgegenstand einer Krone materialisieren sich demnach sämtliche immateriellen, Identität-stiftenden Motive einer bestimmten ihr zugehörigen Organisation oder Anhängerschaft. Ein Herrschaftszeichen, auf das dieser Befund mit Sicherheit zutrifft, ist die Tiara – die Krone des Papstes. Deren mützenartige Frühform, das so genannte Phrygium, wurzelt in der altpersischen Symbolwelt und fand wahrscheinlich über das Zeremoniell am byzantinischen Kaiserhof den Zugang nach Rom. Dort nahm die Tiara wohl seit dem achten Jahrhundert ihre eigene Entwicklung an und als außerliturgische Insignie ist sie seit dem Hochmittelalter bei öffentlichen Anlässen bezeugt. Im Jahre 1964 wurde sie schließlich vor dem Hintergrund des reformatorisch orientierten Zweiten Vatikanischen Konzils von Papst Paul VI. abgelegt und seither nicht mehr der Öffentlichkeit gezeigt.

Was aber bedeutete es, wenn der Papst die Tiara trug? Welche Programmatik, welches Selbstverständnis der Kirche wurde dadurch auf seine Person übertragen?

Machtanspruch durch göttliche Legitimation

Innozenz III. (1198 - 1216)

Ausgehend von der Selbstbezeichnung der Päpste als „Vicarii Iesu Christi“, als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, zeigte die Tiara im Mittelalter den inzwischen teilweise relativierten Anspruch der katholischen Kirche an, sowohl die geistliche als auch die weltliche Lebenssphäre mit ihrer Macht zu durchdringen. Aufgrund dieser Konzeption muss man sie als kirchliches Gegenstück zu den während des Mittelalters gebräuchlichen Königs- und Kaiserkronen und als Instrument der römischen Kirchenorganisation verstehen, sich gegenüber weltlichen Herrscherhäusern abzugrenzen. Wie schon erwähnt, war die Tiara eine außerliturgische Insignie, was bedeutet, dass sie nur bei Papstkrönungen und öffentlichen Prozessionen Verwendung fand. Nahm der Papst hingegen sein liturgisches Amt als Bischof von Rom wahr, beispielsweise bei der Zelebrierung von Messen und Gottesdiensten, wurde die Tiara nicht getragen. In dieser ostentativen, auf die Außenwirkung konzentrierten Verwendungsweise zeigte sich die Absicht der Kurie, ihren Anspruch als weltlich-politische Machtorganisation zu dokumentieren. Darüber hinaus war damit zu bestimmten Zeiten sicherlich auch das Ziel verbunden, das Papsttum als ranghöhere Autorität gegenüber Kaisern und Königen im Bewusstsein der Menschen zu verankern. Denn seit dem 14. Jahrhundert überflügelte die Papstkrone sämtliche weltlichen Kronen aufgrund ihrer Gestaltung – zuerst als doppelte und schließlich sogar als dreifache Krone. Das Tragen der Tiara stellte somit einen autoritären Akt, einen Akt der Selbstbehauptung der katholischen Kirche, dar. Dieser Anspruch in weltlichen Dingen wurde nicht zuletzt auf spiritueller Basis begründet, nämlich durch die göttliche Stellvertreterschaft des heiligen Stuhls.

Historische Entwicklung

In diesem Zusammenhang erscheint es interessant, die Entwicklung von Form und Gestalt der Tiara im Laufe des Mittelalters kurz nachzuzeichnen – lassen diese stilistischen Änderungen doch auch Rückschlüsse auf das vatikanische Selbstverständnis in jener Periode zu.

Benedikt XII. (1334 - 1342)

Dem mützenartigen Phrygium wurde wohl im Laufe des neunten Jahrhunderts eine metallene Borte beigefügt, aus der sich der erste Kronreif entwickelte. Dieser Typ der einfachen Tiara blieb über Jahrhunderte hinweg bestehen. Um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert allerdings, zur Zeit des Pontifikats von Papst Bonifaz VIII., wurde der Tiara eine weitere Krone hinzugefügt. Um diesen Entwicklungssprung verstehen und einordnen zu können, bedarf es der Kenntnis der spezifischen politischen Situation jener Zeit. Der machtbewusste Papst Bonifaz VIII. trug damals einen teilweise blutig und skrupellos geführten Konflikt mit dem französischen König Phillip IV., genannt dem Schönen, aus. Ging es Anfangs um Fragen der Besteuerung des französischen Klerus, so hatte die Auseinandersetzung schon bald den Charakter eines grundlegenden Kampfes zwischen der römischen Kirche und dem französischen Königtum angenommen. Die zweifach bekrönte Tiara kann auf symbolischer Ebene als Reaktion auf dieses Geschehen gedeutet werden. Nicht nur verweist sie auf den bipolaren geistlichen und weltlichen Herrschaftsanspruch der Kirche, sondern in der doppelten Krone wird auch schlicht eine quantitative Bedeutungsmehrung gegenüber der einzelnen Krone des Königtums sichtbar.

Nachdem sich die doppelte Tiara etabliert hatte, tauchten kurze Zeit später die ersten dreifach beringten Papstkronen auf. Diese Gestaltung sollte dann bis ins 20. Jahrhundert unverändert übernommen werden. Über die Bedeutung der drei Kronen existieren in der Forschung verschiedene Meinungen. Einige Historiker sehen in dieser Trinität einen Verweis auf die spirituelle Trinität von Vater, Sohn und heiligem Geist. Andere verweisen auf eine stilisierte Darstellung der während dem Mittelalter bekannten Erdteile Europa, Asien und Afrika und damit auf einen globalen Machtanspruch der Kirche. Wiederum andere Forscher bringen die drei Kronen mit dem Weihe-, Priester und dem Hirtenamt des Papstes in Verbindung. Jede dieser einzelnen Theorien an sich erscheint plausibel, doch besteht über die grundsätzliche Konzeption dieses Herrschaftszeichens kein Zweifel. Als „weltliches“ Herrschaftszeichen der Kirche zeugte die päpstliche Krone von einem universalen Anspruch dieser Organisation, den ganzen Globus gemäß ihrer Vorstellungen zu gestalten. Von der heutigen Warte aus betrachtet kann man außerdem konstatieren, dass die Ausgestaltung der doppelten und dreifachen Tiara in die Hochphase kirchlicher Macht in Europa fiel, eine Machtfülle, welche in den folgenden Jahrhunderten kontinuierlich schrumpfen sollte und welche mit der Niederlegung im Jahr 1964 ihren symbolischen Endpunkt erreicht hatte.

Im Akt ihres Getragen-werdens spiegeln sich daher sowohl Anspruch als auch Wirklichkeit der katholischen Kirche in der Geschichte wieder.


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