Krankheitsträger Mensch

Patrick Kilian beschäftigt sich im Rahmen des Master Projektseminars „Homo Portans“ mit dem Menschen als Bakterienträger. Neben der Entwicklung dieser Vorstellung sollen auch die Konsequenzen thematisiert werden, die sich aus diesem neuen medizinischen Diskurs ergeben haben. Patrick Kilian ist Tutor am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und schreibt neben dem Studium für das Kulturmagazin “Ikonen”.

Das Mikroskop – ein neuer Blick

Mikrophotographische Abbilung (1892)

Als eines der höchsten menschlichen Güter ist Gesundheit seit jeher durch Krankheit bedroht. Ob Pest, Pocken oder HIV -  sobald die Krankheiten epidemische Züge annehmen, entwickeln sie sich von einer individuellen hin zu einer kollektiven Gefahr. In der Reaktion auf diese Bedrohungen der Menschheit haben sich in der Geschichte der Medizin unterschiedlichste Krankheitskonzeptionen herausgebildet. Im 17. Jahrhundert sollte sich das medizinische Denken und Forschen mit der Erfindung des Mikroskops grundlegend verändern. Der von Michel Foucault hierbei für die Anatomie beschriebene Perspektivwechsel des Blicks hin zum Unsichtbaren (Geburt der Klinik 9), gilt in radikalerer Form auch für das späte 19. Jahrhundert und die Bakteriologie. Durch die Visualisierung des menschlichen Mikrokosmos kommt plötzlich jener Fremdkörper zum Vorschein, der von nun an zur Ikone der medizinischen Forschung und zum ‚Feindbild’ der Gesundheit erklärt wurde: das Bakterium.

Krankheitsträger – zwischen Invasion und Migration

Im Zuge dieser Innovation bildet sich im neu entstandenen bakteriologischen Wissenschaftsdiskurs eine Sprache heraus, die ihre Metaphorik aus der Semantik des Krieges schöpft. Der Historiker Philipp Sarasin hat aus diesen diskursiven Vermischungen der bakteriologischen Gründungsphase Kontinuitäten bis hin zum Narrativ des Bioterrorismus aufgezeigt (»Anthrax« Bioterror als Phantasma 145ff.). Doch nicht nur den Bakterien wurde buchstäblich der Krieg erklärt, sondern auch ihre Träger wurden zur Zielscheibe der ärztlichen Vorsorge- und Eindämmungsbemühungen.

In dem Aufsatz „Zur Assanierung Jerusalems“ aus dem Jahre 1914 fordert der Autor F. Schiff, dass „sämtliche Parasitenträger festgestellt werden“ (182) müssten und eine „Internierung … der am meisten Infektiösen“ (184) unerlässlich für eine ‚Volksgesundheit’ sei. Als Ansteckungsherde der Infektionskrankheiten benennt Schiff hierbei die Juden und Proletarier. Hinter diesen vordergründig hygienischen Ausführungen verbirgt sich ein schlecht getarnter Rassismus, der die Angst vor den Bakterien nutzt, um eine aggressive Biopolitik gegen deren vermeintliche Träger zu rechtfertigen. Der Mensch als Wirt der Mikroben wird bald selbst zum Bakterium degradiert und soll an der Invasion des nun metaphorisch zum ‚Körper’ stilisierten Staats gehindert werden.

Folgelasten – Eine Epidemie der Angst

Mary Mallon

Begünstigt durch die Seuchen des Ersten Weltkrieges und die sich in dessen Verlauf herausbildende Furcht vor biologischer Kriegsführung sowie die medial verstärke Debatte um so genannte healthy carriers – also immune Bakterienträger – entwickelte sich eine neue Kollektiv-Angst. In England geht diese spezielle Träger-Metapher am Beispiel der Mary Mallon (Typhiod Mary) durch die Presse. Als Köchin infizierte Mallon ihre Arbeitgeber mit Typhus ohne selbst Krankheitssymptome zu zeigen, was die allgemeine Furcht vor unbemerkter und unkontrollierbarer Ansteckung nur weiter beförderte. Im Zentrum steht allerdings oft weniger das Bakterium, als vielmehr dessen Träger und Überträger. Für das bloße Auge unsichtbar und meist nur durch ein Husten oder eine kränkliche Erscheinung zu identifizieren, wird der Mensch sich so selbst zur größten Gefahr auf dem Felde des ‚Kampfes zwischen Gesundheit und Krankheit’.

Die Ausläufer dieser Angstvorstellungen können bis in die Populärkultur verfolgt werden und spiegeln sich in Filmen wie „Shivers“ (1975, R: David Cronenberg) oder „Cabin Fever“ (2002, R: Eli Roth) wider. In überspitzer Form thematisieren diese Body-Horror-Filme die Bedrohung durch Bakterien und reflektieren auch die Angst vor dem Mensch als Überträger. Selbst die Ausgabe „Die Signale unseres Körpers“ der populärwissenschaftlichen Zeitschrift GEO.kompakt (Nr. 26, 03/11) überschreibt einen Artikel emblematisch mit: „Krieg gegen die Mikroben“ (84ff.). Dies bestätigt nicht nur die Beobachtungen Philip Sarasins zur semantischen Verflechtung mit anderen Diskursen, sondern verweist ebenso auf die überdauernde Bedeutung und Aktualität des Gegenstands.

Die Krankheitsträger-Vorstellungen und deren Folgelasten gehören also weiterhin zu unserem kulturellen Symbolreservoir, verbreiten sich in unserer Sprache, sind unsichtbar virulent und Teil unterschiedlichster Diskurse.

Literaturnachweise:
- Foucault, Michel, Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks, 8. Aufl., Frankfurt a. M. 2008.
- Rigos, Alexandra, Krieg gegen die Mikroben, in: GEO.kompakt. Die Signale unseres Körpers Nr. 26, (03/2011), S.84-103.
- Sarasin, Philipp, »Anthrax« Bioterror als Phantasma, Frankfurt a. M. 2004.
- Schiff, F., Zur Assanierung Jerusalems, in: Die Welt des Islams, Bd. 2, Heft 2/4 (Dezember 1914), S. 180-187.


1 Kommentar

  1. Mina Täglich sagt:

    Ein anspruchsvolles Projekt! In der Geschichte wurde die menschliche Physis in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen als Problem erkannt. Dass der hier vorgestellte Ansatz dabei nun die Verschmelzung medizinischer und politischer Diskurse in den Mittelpunkt stellt, eröffnet der übergeordneten Thematik des Tragens sicher eine ganz neue Perspektive.

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