Wenn der Name Identität stiftet

Dies ist ein Beitrag von Daniela Ahrens, Studentin an der Universität Mannheim und wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte, Prof. Dr. Annette Kehnel. Im Rahmen des Projektseminars „Homo Portans“ betrachtet sie den Menschen als Namensträger und zeigt auf, was passiert, wenn Alltägliches zu etwas Bedeutsamen wird.

Namen sind etwas Alltägliches, etwas Selbstverständliches geworden. Sie stehen im Personalausweis, auf Kundenkarten, unter Verträgen etc. Sie sind so präsent, dass wir uns nur selten bewusst Gedanken über sie machen. Ein Fehler? Wahrscheinlich schon – man denke etwa an das gewaltige Medienecho, das von der Studie “Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“ ausgelöst wurde. Schließlich haben auch andere Studien nachweisen können, dass Namen Assoziationen von Alter, Intelligenz und Attraktivität hervorrufen. Hinter den Namen steckt viel mehr, als auf den ersten Blick sichtbar wird. Es erscheint daher äußerst vielversprechend – über die Frage nach der reinen Bedeutung und Herkunft von Namen hinaus – sich intensiver mit dem Thema zu befassen. Namen bergen zahlreiche Informationen über eine Gesellschaft, ein Individuum, soziale, kulturelle und politische Zustände und Veränderungen in sich.

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive lohnt in diesem Zusammenhang ein Blick auf das Dritte Reich. Diese Zeit liefert interessante Beispiele, mit denen sich darlegen lässt, auf welche Art und Weise das Potenzial von Namen (aus-)genutzt werden kann und was Namen für ihre Träger bedeuten können.

Der Name als Stigma

Jüdische Namen in der NS-Zeit

Am 17. August 1938 war es für die jüdische Bevölkerung vorbei mit der freien Namenswahl.  Die Nationalsozialisten erließen eine Verordnung, mit der sie auf rechtlichem Wege direkten Einfluss auf die Namengebung nahmen. Sie sahen die Möglichkeit, mittels staatlicher Reglementierungen die „Markierung“ und die Ausgrenzung der Juden zu forcieren. Von nun an sollten jüdische und nicht-jüdische Deutsche nicht mehr denselben Namen tragen. Ein Blick in den Ausweis, die Geschäftspost und die Kontodaten sollte genügen, um einen Juden eindeutig als solchen zu identifizieren. Die Auswahl der Namen beschränkte sich auf ca. 300 Stück. Diese neuen „typisch jüdischen“ Namen waren allerdings zuvor wenig unter der jüdischen Bevölkerung verbreitet, viele waren negativ konnotiert oder der Klang rief zu Spott auf.

Der Name als Affirmation

Germanische und nordische Namen in Deutschland von 1904-1945

Für die nicht-jüdische deutsche Bevölkerung gab es keine solcher gesetzlichen Regelungen. Sie konnte frei wählen. Es gab jedoch natürlich Namen, die sich gefällig in die nationalsozialistische Ideologie eingliedern ließen und solche, die neutraler und unverfänglicher waren. Wer sein Kind beispielsweise „Horst“, „Adolf“, „Uta“ oder auch „Sigrun“ oder „Sundwin“ nannte, der konnte auf diesem Wege seine Sympathien mit dem Regime bekunden. Durch bestimmte Zuschreibungen wurde der Name zu einem Mittel, sich gesellschaftlich und politisch zu positionieren.

Der Name als Last

So wie der Vorname für die Juden eine Stigmatisierung bedeuten konnte, so können auch Familiennamen eine Last bedeuten. Von Generation zu Generation wird er weitergeben. Die Taten, die ein Verwandter begangen hat, bleiben – zumindest, wenn er eine öffentliche Position bekleidet hat – an seinem Namen hängen. So scheint es jedenfalls, wenn man beispielsweise das Buch „Denn Du trägst meinen Namen“ aufschlägt, in dem über die Lebenswege der Kinder von NS-Tätern berichtet wird. Teilweise wählten sie sehr unterschiedliche Wege, mit den Schatten der Vergangenheit umzugehen. Doch was sie auch immer tun, sie werden jeden Tag aufs Neue, allein durch die eigene Unterschrift, an die Taten ihrer Väter erinnert.

 

Die Grafiken stammen aus:

- Cohn, Willy: Kein Recht – nirgends. Breslauer Tagebücher 1933-1941. Eine Auswahl (Schriftenreihe 768), hg. v. Norbert Conrads, Anhang Abb. 16.

- Wolffsohn, Michael/Brechenmacher, Thomas: Die Deutschen und ihre Vornamen. 200 Jahre Politik und öffentliche Meinung, München/Zürich 1999, S. 209, Abb. 29.


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