“Wissenschaft braucht Bilder”

Das Projekt Homo Portans lebt von der Überzeugung, dass Wissenschaft und Kunst sehr viel gemeinsam haben. Unser neues Online-Interviewblog „kunst – werk – wissenschaft“ soll diesen Gemeinsamkeiten ein Forum bieten. Vanessa Wormer bittet Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um ganz konkrete Aussagen zur Kunst und zu Homo Portans. Sie startet mit der Initiatorin von Homo Portans – Prof. Dr. Annette Kehnel.

Wann haben Sie zum letzten Mal so richtig geschleppt?

Annette Kehnel: Hm, der letzte Umzug liegt schon anderthalb Jahre zurück, da haben wir viel geschleppt. Seither? Vor einigen Wochen auf dem Weg vom Deutschen Historischen Institut in Paris zum Gare de l’Est. Ich hatte Lust zu laufen – es war ein strahlend blauer Februartag – und dann gab mein Rollkoffer seinen Geist auf, dummerweise hatte ich zu viele Bücher mitgenommen und musste richtig schleppen.

Dieser kleine Homo Portans weiß wer er ist, weil er trägt. Seine Last macht ihn wichtig, sie verheißt Genuss, richtet seinen Körper auf, setzt ihn in Bewegung. Foto: Henri Cartier-Bresson / Rue Mouffetard, Paris 1954.

Ist der Homo Portans nicht meistens völlig unästhetisch?

Annette Kehnel: Naja, kommt ganz drauf an. Wenn er Schmuck trägt, ist er doch wunderschön – oder? Mit der Ästhetik einer jungen Frau, die ein kleines Kind trägt, hat das Abendland mehr als 1000 Jahre Kunstgeschichte geschrieben. Der Träger einer Krone – ich glaube er findet sich schön, meinen Sie nicht? Das gilt auch in viel alltäglicheren Zusammenhängen:  Suchen Sie mal nach Bildern zum Slogan „Shoppen macht glücklich“. Sie finden jede Menge schöne, langbeinige junge Frauen, die glücklich und hochzufrieden jede Menge Taschen durch die Shoppingmall tragen. „Tragen macht schön“ – den Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man diese Bilder sieht.

Was halten Sie von der Idee, über das Thema Homo Portans eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst zu schlagen?

Annette Kehnel: Sehr viel natürlich! Denn die Wissenschaft braucht Bilder und die Kunst braucht analytische Kreativität. Wer viel weiß, sieht mehr und wer viel sieht, weiß mehr. Und ich wünsche mir, dass die Wissenschaft über diese Brücke bunter und fröhlicher wird – und schöner (auch wenn das altmodisch klingt).

Was haben aus Ihrer Sicht Kunst und Wissenschaft gemeinsam?

Annette Kehnel: Beide versuchen, die Welt zu verstehen, beide suchen Erkenntnis. In jedem Künstler steckt ein Mensch, der nach Erkenntnis sucht, der die Grenzen des “immer schon Gewussten” erweitern möchte – also eine Wissenschaftlerin. In jeder Wissenschaftlerin steckt ein Mensch, der interpretieren und gestalten möchte  - also ein Künstler.

Was fasziniert Sie als Wissenschaftlerin an Homo Portans?

Annette Kehnel: Die Möglichkeit, ein Forschungsfeld aufzumachen, das unbeschwert von 100 Jahren Forschungsgeschichte neue Perspektiven erlaubt. Das Thema fixiert den menschlichen Körper als Träger, mehr noch: als Verkörperung von Kultur – es fragt nach der Natur der Kultur. Denn Ideen, Vorstellungen, Deutungen, Emotionen, Empfindungen, Musik, Schönheit, Neugierde, Wissensdrang, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik etc. etc. – alles wird von Körpern getragen. Embodied culture – das ist unser Thema.

Jäger oder Sammler – Träger oder Gammler? Wohin tendieren Sie?

Annette Kehnel: Eher zum Gammler, weil die Lust an der Unbeschwertheit dominiert – ich wäre eigentlich am liebsten ganz ohne Gepäck unterwegs, wie vermutlich alle Menschen. Aber man braucht Träume. Defacto wundere ich mich fast täglich darüber, warum ich so bepackt durch die Weltgeschichte laufe, mit viel zu vielen Sachen, Laptop, Bücher, Unterlagen etc. – meist brauche ich nur die Hälfte…

Gewicht haben und “wichtig sein” hat in vielen Sprachen gemeinsame Wurzeln. Haben Sie dafür eine intuitive Erklärung?

Annette Kehnel: Eine Sache, die schwer ist, zwingt uns zur Beschäftigung – fordert Zeitinvestment, Körpereinsatz, usw. Und wenn man sich für etwas eingesetzt hat, dann tendiert man dazu, es wichtig zu finden – oder zumindest, es dazu zu erklären.

Ich habe Sie um Ihr Lieblingsbild zum Homo Portans gebeten. Sie haben das obige Bild gewählt, weil…

Annette Kehnel: …dieser kleine Homo Portans weiß wer er ist, weil er trägt. Seine Last macht ihn wichtig, sie verheißt Genuss, richtet seinen Körper auf, gibt ihm eine Richtung, setzt ihn in Bewegung. Ich glaube, das sind genau jene Begleiteffekte menschlicher Tragefähigkeit, die kulturhistorisch so produktiv wurden für die Entwicklung und Ausbreitung menschlicher Kulturen seit der Erfindung des aufrechten Gangs. Diese Position formuliert dieses Kunstwerk von Henri Cartier-Bresson viel klarer als eine lange wissenschaftliche Abhandlung.

 

Zur Person: Annette Kehnel ist Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Mannheim. Sie betreibt historisch-anthropologische Grundlagenforschung zu den Bedingungen menschlicher Existenz (conditio humana) und erforscht Homo Portans, weil jeder zwar trägt, aber kaum jemand ernsthaft über die “Tragweite” dieser menschlichen Fähigkeit  nachgedacht hat.


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