Mehr Macht durch mehr Gewicht

Das Projekt Homo Portans lebt von der Überzeugung, dass Wissenschaft und Kunst sehr viel gemeinsam haben. Unser neues Online-Interviewblog „kunst – werk – wissenschaft“ soll diesen Gemeinsamkeiten ein Forum bieten. Heute bitte Vanessa Wormer Barbara Fruth um ganz konkrete Aussagen zur Kunst und zu Homo Portans.

Ein wertvolles Geschenk, das für ein Kind schwer zu ertragen ist. Foto: privat

Frau Fruth, wann haben Sie zum letzten Mal so richtig geschleppt?

Vor zwei Monaten. Mein Mann war auf Dienstreise, ich war für den Wocheneinkauf beim Biomarkt mit dem Auto unterwegs und habe keinen nahen Parkplatz gefunden. Ich hatte zwei große Körbe dichtest gepackt. Obwohl ich in weiser Voraussicht die Milchflaschen bereits zu Gunsten der Tetrapacks stehen gelassen hatte, war aufrechter Gang nicht mehr wirklich möglich.

Ist der Homo Portans nicht meistens völlig unästhetisch?

Im genannten Beispiel meiner Schlepperei – ja sicher – ästhetisch war das nicht. Aber Tragen muß nicht immer so aussehen. Frauen in Zentralafrika z.B. können unbeschreibliche Lasten auf ihrem Kopf tragen und ihre Haltung und ihr Gang sind dabei außerordentlich ästhetisch.

Was halten Sie von der Idee über dieses Thema eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst zu schlagen?

Ich finde diese Idee sehr ansprechend. Sie bietet so viele Anknüpfungspunkte. Schließlich hat das Tragen auch eine lange Entwicklungsgeschichte in vormenschlicher Zeit hinter sich. Aber auch wenn wir das Physische komplett weglassen und uns dem Tragen im „übertragenen“ Sinne zuwenden, gibt es genügend Anknüpfungspunkte zwischen Wissenschaft und Kunst. Ich denke da z.B. an das Tragen von Verantwortung…

Was haben aus Ihrer Sicht Kunst und Wissenschaft gemeinsam?

Vertreter beider Disziplinen wollen unsere Welt bzw. Umwelt erfassen und abbilden. Künstler werden es in der Regel subjektiver, Wissenschaftler objektiver versuchen, aber beide haben in der Regel bestimmte Wahrnehmungsorgane stark entwickelt, beide sind in der Lage, sehr genau hinzuschauen (zu hören, tasten, riechen, sehen, schmecken), nehmen die Eindrücke auf und setzen sie um. Beide brauchen für diesen Prozeß viel Geduld.

Was fasziniert Sie als Wissenschaftlerin an Homo Portans?

Der Mensch ist sehr spät auf der Bildfläche der Erdgeschichte erschienen. Er hat eine sehr lange Entwicklungsgeschichte hinter sich und ein Blick in verschiedene Kulturen lehrt uns, wie divers Homo Portans ist. Mich fasziniert diese Diversität und interessiert, welche Lösungen Menschen und Tiere für die gleichen Aufgaben bzw. Probleme gefunden haben.

Jäger oder Sammler – Träger oder Gammler? Wohin tendieren Sie?

Eindeutig zur Jäger- und Sammlerin. Getrieben von Neugier, bin ich auf der Jagd nach Erkenntnis und sammle alles, von dem ich glaube, dass es mich dieser einen Schritt näher bringt. In meinem Metier als Naturwissenschaftlerin heißt „alles“: ich sammle Daten (Beobachtungen, Messdaten, Pflanzen), mit denen ich glaube, ungelösten Rätseln unserer Welt näher kommen zu können.

Gewicht haben und ‚wichtig sein’ hat in vielen Sprachen gemeinsame Wurzeln. Haben Sie dafür eine intuitive Erklärung?

Meine Erklärung ist wohl eher erlernt, denn intuitiv. Im Tierreich ist bei vielen Arten „mehr Gewicht haben“ gleichbedeutend mit „mehr Macht haben“: den Rivalen besiegen, das Territorium verteidigen, die Weibchen monopolisieren, erfolgreich Nachkommen in die Welt setzen…  Na, wenn das nicht wichtig ist?

Ich habe Sie um Ihr Lieblingsbild zum Homo Portans gebeten. Sie haben das Bild gewählt, weil…

…es eines von den Bildern ist, die das Tragen konkret und „im übertragenen Sinne“ zeigen: Meine Tochter, zu dem Zeitpunkt fünf Jahre alt, trägt ein kleines Krokodil. Sie hat es so geschenkt bekommen – und zwar von den Trägern, die zweimal pro Woche mit Proviant ins Forschungscamp kommen und es auf ihrem Weg aufgelesen und getötet haben. Es ist ein wertvolles Geschenk – Fleisch und Fett – und soll ein Leckerbissen für mein Kind sein. Der Blick meiner Tochter zeigt ihre Ambivalenz. Er zeigt, wie „unerträglich“ sie das Geschenk findet, wie schwer sie „ertragen“ kann, dass dieses Wesen erschlagen und ihr in die Hand gegeben worden ist. Sie weiß aber bereits, was es bedeutet, wie es gemeint ist und hat es angenommen, „erträgt“ es.

 

Dr. Barbara I. Fruth arbeitet und forscht seit 2004 am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Abteilung für Primatenforschung. Die Biologin hat sich im Rahmen von Homo Portans mit dem Trageverhalten von Tieren beschäftigt.


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