Mensch definiert sich über das Tragen

Das Projekt Homo Portans lebt von der Überzeugung, dass Wissenschaft und Kunst sehr viel gemeinsam haben. Unser Online-Interviewblog „kunst – werk – wissenschaft“ soll diesen Gemeinsamkeiten ein Forum bieten. Heute bittet Vanessa Wormer Sibylle Wolf um ganz konkrete Aussagen zur Kunst und zu Homo Portans.

Frau Wolf, wann haben Sie zum letzten Mal so richtig geschleppt?

In der letzten April Woche habe ich auf meine Nichte aufgepasst und diese häufig auf dem Arm oder meiner Hüfte getragen. Dies war ein sehr angenehmes, doch mit der Zeit schweres Gewicht.

Der kostbare Schmuck zeigt die Wertschätzung, die man den verstorbenen Kindern entgegenbrachte.

Ist der homo portans nicht meistens völlig unästhetisch?

Absolut nicht! Die Menschen definieren sich mit Hilfe der Dinge, die sie tragen und bringen ihre entsprechenden Lebensgewohnheiten oder Einstellungen damit zum Ausdruck. Dies kann wunderschön sein.

Was halten Sie von der Idee über dieses Thema eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst zu schlagen?

Das finde ich extrem notwendig; gerade in meinem Fach, der Archäologie des Eiszeitalters, ist es zudem manchmal nicht zu trennen. Einige Artefakte werden automatisch von uns heutigen Menschen als Kunst empfunden und dies sollte meiner Meinung nach weiter vertieft und verknüpft werden.

Was haben aus Ihrer Sicht Kunst und Wissenschaft gemeinsam?

Sehr oft das gemeinsame Gedankengut – die Wissenschaft entwickelt auf einer soliden Basis eine Theorie, doch dazu bedarf es auch Kreativität, Phantasie und die Fähigkeit, dies umzusetzen – genau wie in der Kunst.

Was fasziniert Sie als Wissenschaftler an homo portans?

Mich fasziniert, dass der Mensch etwas trägt, sobald man „Kultur“ beginnt zu definieren. Die einzelnen Gattungen des Tragens sind spannend und natürlich das Bemühen, den Sinn darin zu erkennen und damit dem Wesen des Menschen ein Stück näher zu kommen.

Jäger oder Sammler – Träger oder Gammler? Wohin tendieren Sie?

Auf jeden Fall zum Sammler und Träger – der Mensch besitzt gerne Dinge, die er mit sich führt und dann zumeist trägt.

Gewicht haben und ‚wichtig sein’ hat in vielen Sprachen gemeinsame Wurzeln. Haben Sie dafür eine intuitive Erklärung?

Für mich scheint es, dass derjenige, der die meisten Statussymbole sichtbar für alle Mitmenschen tragen und damit permanent zeigen kann, oft gleichzeitig als wichtig empfunden wird.

Ich habe Sie um Ihr Lieblingsbild zum Homo Portans gebeten. Sie haben das Bild gewählt, weil…

… es die Rekonstruktion von Kinderbestattungen ist, die 24.000 Jahre alt sind – auf ihrer Kleidung sind Unmengen von Perlen genäht. Das Herstellen dieser Schmuckstücke dauerte Wochen. Dies zeigt unter Anderem die hohe Wertschätzung, die man diesen Kindern damals entgegen gebracht hat. Die Kinder tragen diese kostbare Kleidung.

 

Sibylle Wolf ist Doktorandin am Fachbereich Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen. Der Homo Portans ist im weitesten Sinne Thema ihrer Dissertation: Sie arbeitet mit dem ältesten Schmuck der anatomisch modernen Menschen in Europa.


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