Tragen ist Beziehungshandeln

Das Projekt Homo Portans lebt von der Überzeugung, dass Wissenschaft und Kunst sehr viel gemeinsam haben. Unser neues Online-Interviewblog „kunst – werk – wissenschaft“ soll diesen Gemeinsamkeiten ein Forum bieten. Heute bittet Vanessa Wormer Alexander Lasch um ganz konkrete Aussagen zur Kunst und zu Homo Portans.

Das Tragen scheinbar nutzloser Dinger. Foto: privat (CC BY-NC-SA 3.0)

Wann haben Sie zum letzten Mal so richtig geschleppt?

2007 beim Einzug in ein neues Haus. Der massive Schrank musste unbedingt die schmale Wendeltreppe hoch. Am Schluss haben wir diesen zu viert über die Galerie gewuchtet. Auf Stühlen stehend, die auf Tischen standen.

Ist der Homo Portans nicht meistens völlig unästhetisch?

Das kann man, denke ich, so pauschal nicht sagen. Sicher aber ist in Bezug auf die Ästhetik des Tragens die Korrelation zwischen dem Gewicht des Tragenden und des Getragenen nicht unbedeutend.

Was halten Sie von der Idee über dieses Thema eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst zu schlagen?

Das finde ich großartig, es gibt nicht viele derartige Versuche. Neben „Wissenschaft und Kunst“ sei noch die „Öffentlichkeit“ hervorgehoben, auch die scheint für das Projekt sehr wichtig zu sein.

Was haben aus Ihrer Sicht Kunst und Wissenschaft gemeinsam?

Ein Heterotop, also konkret hier Gedankenspielräume und -zeiten ohne tatsächlich lebensbedrohliche Konsequenzen. Bestenfalls teilen sie also Umgebungen, in denen Produktivität und Kreativität nicht bestraft bzw. (neutraler) sanktioniert werden und Zielgerichtetheit und Effektivität nicht immer das Maß aller Dinge sind.

Was fasziniert Sie als Wissenschaftler an homo portans?

Die Möglichkeit, gemeinsam von verschiedenen Blickpunkten und Perspektiven auf einen Gegenstand zu schauen und sich darüber austauschen zu können.

Jäger oder Sammler – Träger oder Gammler? Wohin tendieren Sie?

Jagen & Tragen & Sagen.

Gewicht haben und ‚wichtig sein’ hat in vielen Sprachen gemeinsame Wurzeln. Haben Sie dafür eine intuitive Erklärung?

Vielleicht beantworte ich die Frage als Sprachwissenschaftler besser nicht.

Ich habe Sie um Ihr Lieblingsbild zum Homo Portans gebeten. Sie haben das Bild gewählt, weil…

…man meist für andere trägt und mitträgt, auch die auf den ersten Blick selbst scheinbar nutzlosesten Dinge. Tragen ist Beziehungshandeln.

 

Alexander Lasch ist Sprachwissenschaftler am Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Im Rahmen von Homo Portans hat er sich mit der sprachwissenschaftlichen Dimension des Tragens beschäftigt.


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