Zwischen Skepsis und Begeisterung

Das Projekt Homo Portans lebt von der Überzeugung, dass Wissenschaft und Kunst sehr viel gemeinsam haben. Unser neues Online-Interviewblog „kunst – werk – wissenschaft“ soll diesen Gemeinsamkeiten ein Forum bieten. Heute bitte Vanessa Wormer Jörg Wettlaufer um ganz konkrete Aussagen zur Kunst und zu Homo Portans.

Trägerinnen in der Sahara 1988, Foto: privat.

Herr Wettlaufer, wann haben Sie zum letzten Mal so richtig geschleppt?

Bei meinem letzten Umzug. Hinterher tat mir der Rücken weh. Aber was erwartet man, wenn man normalerweise den ganzen Tag auf einem Drehsessel im Büro sitzt und nur die Finger auf die Tastatur bewegt.

Ist der homo portans nicht meistens völlig unästhetisch?

Solange er nicht gebeugt geht, finde ich ihn durchaus ästethisch. In Afrika tragen viele Kulturen schwere Dinge auf dem Kopf und gehen dabei aufrecht. Das sieht manchmal auch schön und ästhetisch aus, obwohl es sicher für die Träger recht anstrengend ist.

Was halten Sie von der Idee über dieses Thema eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst zu schlagen?

Ich bin skeptisch was die gegenseitigen Befruchtungsmöglichkeiten angeht. Kunst und Wissenschaft widersprechen sich an einigen Stellen, vor allem aber hinsichtlich der Methodik. Über Ästhetik läßt sich bekanntlich trefflich streiten, ohne zu einem Ergebnis zu gelangen.

Was haben aus Ihrer Sicht Kunst und Wissenschaft gemeinsam?

Sie haben beide ein Publikum, das die Produkte der Tätigkeit rezipiert. Das sind sicher häufig sogar dieselben Personen, aber natürlich in unterschiedlichen Kontexten. Nach meinem Magisterabschluss in Geschichte befand ein älterer Kollege, ich sei nun freischaffender Künstler. Ich habe das nie so empfunden, werde aber ggf. darauf zurückkommen, wenn es sich ergeben sollte.

Was fasziniert Sie als Wissenschaftler an homo portans?

Der anthropologische Ansatz? Faszination ist hier vielleicht der falsche Begriff.  Aber das Tragen gehört schon zum Menschen dazu und er verbringt viel Zeit damit. Mich begeistert dabei die kulturelle Vielfalt der Lösungen, die Menschen dafür gefunden haben. Oder anders gesagt: mich interessiert der differentielle Gebrauch des menschlichen Körpers in Anpassung an die jeweilige Umwelt.

Jäger oder Sammler – Träger oder Gammler? Wohin tendieren Sie?

Wenn ich mir so meine gesammelten Habseligkeiten anschaue, dann gehöre ich sicher zum Typus des Sammlers. Ohne meine vielen kleinen praktischen und technischen Dinge fühle ich mich im täglichen Leben etwas hilflos. Auf Sicherheit bedacht habe ich früher auf Reisen eher zu viel als zu wenig dabei gehabt. Inzwischen habe ich den Kofferinhalt vernünftigerweise aber abgespeckt.

Gewicht haben und ‚wichtig sein’ hat in vielen Sprachen gemeinsame Wurzeln. Haben Sie dafür eine intuitive Erklärung?

Wer wichtig ist, bekommt auch mehr zu essen. Aber sprachgeschichtlich wird das wohl nicht haltbar sein…

Ich habe Sie um Ihr Lieblingsbild zum Homo Portans gebeten. Sie haben das Bild gewählt, weil…

…es nach tagelangem Radeln in der Wüste einfach schön ist, mal wieder ein paar Frauen zu sehen. Das Bild enstand 1988 auf einer Radtour in der algerischen Sahara um das große westlichen Sandgebiet (Grand Erg occidental) in der Nähe von Taghit. Es handelt sich um eine ältere Matrone und drei junge Trägerinnen, die uns an einer abgelegenen Stelle in der Wüste neugierig um Wasser baten.

 

Dr. Jörg Wettlaufer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften am Göttingen Center for Digital Humanities (GCDH). Im Rahmen von Homo Portans untersuchte er das “Steintragen als Frauenstrafe im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit”.


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