Homo Portans in der Süddeutschen

Eine durchweg positve Kritik hat Homo Portans von der Süddeutschen Zeitung (2./3. Oktober, S. 14) im Bezug auf den Historikertag erhalten. In seinem Bericht unter dem Titel “Mehlschwitze”  resümiert Johan Schloemann die Tagung und hebt die Mannheimer Sektion eigens hervor:

“Eines der erhellenden Projekte war allerdings ein dezidiert kulturgeschichtliches. Eine Mannheimer Forschergruppe widmet sich dem “Homo portans”: einer “Kulturgeschichte des Tragens”, von der Evolutionsgeschichte des Menschen bis heute. Denn was kommt nicht in der Geschichte alles zum Tragen: Historiker tragen schwere Kongresstaschen, Götter tragen den Menschen und werden ihrerseits herumgetragen, der Papst trägt buchstäblich die “persona Christi” mit seiner Kleidung, der Erleichterung von Tragelasten dient die Technik vom Flaschenzug bis zum Transportwesen der Industrialisierung, man trägt Ämter, Autorität und mobile Insignien, während die Pflicht zum Tragen soziale Grenzen markiert: Diener und Frauen müssen tragen und das Tragen von Lasten kann als Strafe dienen, bis hin zur archaischen Reaktivierung in Diktaturen und Lagern.

So läuft das: Eine Einheit der historischen Wissenschaften gibt es nicht, aber ein unmittelbar einleuchtendes Thema kann sie für eine Zeitlang zusammenführen.” (SZ, 2./3. Oktober, S. 14)

“Mit nichts als mir selbst”

Wir wollen immer alles bei uns tragen – und trotzdem überkommt uns manchmal das Bedürfnis, einfach mal nichts zu tragen. Diesen Gedanken hat Peter Kottlorz (Kath. Kirche Rottenburg) in einem seiner SWR1-Anstöße unter dem Titel “Mit nichts als mir selbst” gefasst:

“[...]  Wie muss sich das anfühlen, körperlich und seelisch. Mal alle Lasten, Belastungen ablegen und nur als Heike Müller oder Peter Kottlorz durch den Tag gehen. Und leicht sein, frei. Mich in kein Buch vertiefen und auf kein Handy starren, die Natur sehen, riechen wie der Herbst kommt, die Vögel hören. Die Menschen anschauen, ihre Gesichter, ihren Gang und wie sie miteinander umgehen. [...]“

Den ganzen Beitrag können Sie hier lesen.

Hier geht es direkt zur Audio-Datei.

Ur- und Frühgeschichte: Homo Portans trägt, was ihn schmückt

Die ältesten Spuren von Dingen, die „vom Menschen getragen“ wurden, deuten nicht auf funktionale Transportleistungen, sondern vielmehr auf das Tragen bestimmter symbolischer Zeichen am menschlichen Körper hin, die man vermutlich zum Schutz oder als Erkennungszeichen trug. Schmuckfunde jedenfalls sind wesentlich älter als Korb- oder Taschenfunde. Der Mensch war also zunächst „Symbolträger“. Natürlich muss hier in Betracht gezogen werden, dass die ältesten Tragbehältnisse aus vergänglichen Materialien gefertigt wurden.

Es gibt so genannten Kleinkunstfunde, z. B. der Hohle Fels bei Schelklingen im Aachtal (Schwäbische Alb), wo durchbohrte Zähne, Fossilien, Schnecken und Muscheln sowie Scheibenperlen und tropfenförmige Anhänger aus Elfenbein gefunden wurden, die als Schmuck oder auf die Kleidung aufgenäht getragen wurden.

Hier ist auch die neu entdeckte “Venus vom Hohlen Fels” sehr interessant.  Es handelt sich bei dieser Venus ganz eindeutig um ein Objekt mit vollständig erhaltener Öse, die das Stück als Anhänger ausweist.

Hier eine Dokumentation von naturevideo über den Fund der “schwäbischen Venus”:

Rechtsgeschichte: Homo Portans lässt tragen, um zu strafen

Tragen ist nicht nur Privileg, sondern auch Strafe. Es diente beispielsweise in nationalsozialistischen Konzentrationslagern der Bestrafung und Entwürdigung der Zwangsarbeiter.  Die Transportarbeiten in den KZs wurden nur selten durch Hilfsmittel erleichtert. Im Gegenteil: Sinnloses Hin- und Hertragen schwerer Lasten wurde immer wieder als Strafe und Mittel der Entwürdigung eingesetzt (Prof. Dr. Peter Steinbach, Mannheim).

Tragen kann auch eine Schande sein. Der zum Tragen Verurteilte wird zu einer Geste der Herabwürdigung gezwungen. In diesem Sinne ist die rituelle, strafrechtliche Verwendung des Tragens von zentraler Bedeutung. Das Tragen als Strafe wird sehr anschaulich im mittelalterlichen Ritual des Hundetragens deutlich.