Zoologie: Tragen im Tierreich. Vom Maulbrüter bis zu den Bonobos

Tragen ist kein Alleinstellungsmerkmal des Menschen, sondern verbindet Mensch und Tier.  Die Ameise, das Känguru, der Esel, die Biene – alle tragen sie. In Zusammenarbeit mit ForscherInnen von MPI Leipzig werden Befunde zum „Tragen im Tierreich – vom Maulbrüter bis zu den Bonobos“ (B. Fruth) herausgearbeitet.

Genderforschung: War Homo Portans eine Frau?

„Tragen ist Frauensache“, das jedenfalls implizieren zahlreiche Forschungen zur Evolution des Menschen. Frauen – so die Thesen – haben das Tragen erfunden, Frauen haben die Kinder getragen und Frauen sind diejenigen, die bis heute Handtaschen lieben: „Man the hunter – women the gatherer.“ Während die Männer auf der Jagd ihr Leben riskierten, beschäftigten sich die Frauen mit dem Sammeln von Kräutern und Beeren im heimischen Umfeld. Weil sie ihre Kinder tragen mussten, taten sie sich leichter mit der Erfindung von Tragebehältnissen, Taschen, Körben etc.

Diese impliziten genderspezifischen Aspekte wären im Projekt zu berücksichtigen, aber auch zu hinterfragen. Jedenfalls scheint eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Art von Theoriebildung dringend notwendig und angesichts der allgegenwärtigen Gleichstellungsdebatten von hoher gesellschaftlicher Relevanz.

Hier eine Bildergalerie zum Thema “Tragen ist Frauensache”:

(© Fotos: Wilfried Lieb)

Entwicklungsbiologie: der Mensch, ein Tragling, hat das Bedürfnis getragen zu werden

Der Mensch ist entwicklungsbiologisch ein „Tragling“. Der menschliche Säugling muss nach seiner Geburt das erste Jahr ausschließlich, die ersten drei Lebensjahre überwiegend getragen werden, um zu überleben. Aus dieser entwicklungsbiologischen Tatsache ergeben sich einschlägige Folgen für den erwachsenen Menschen, da in der Traglingsphase wesentliche frühkindliche Prägungen stattfinden. Die Vorstellung, getragen zu werden, bleibt auch für den erwachsenen Menschen unmittelbar verknüpft mit dem Bedürfnis nach Geborgenheit, Zuwendung und Sicherheit. Vermutlich gründet in diesem Zusammenhang die universale menschliche Sehnsucht danach, getragen zu werden. Der Mensch ist einer, der getragen werden möchte, er lässt sich tragen von anderen Menschen, von Pferden, Eseln, Elefanten, in Sänften und Thronen, auf Händen, von den Göttern etc.

Die menschliche „Tragfähigkeit“ wird hier als eine zentrale Kippfigur der menschlichen Kulturgeschichte näher beleuchtet: Der Mensch ist einerseits in der Lage zu tragen, hat aber zugleich das Bedürfnis danach, getragen zu werden, und überdies auch danach, zu tragen – wer trägt, fühlt sich zugleich „belastet“ und sicher oder jedenfalls „nützlich“. Tragen stiftet Sinn.

Vorträge der Sektion Homo Portans

Sektion “Homo Portans. Eine Kulturgeschichte des Tragens” auf dem 48. Deutschen Historikertag an der Humboldt-Universität zu Berlin. Leitung: Prof. Dr. Annette Kehnel, PD Dr. Sabine von Heusinger.

  • Einführung durch Prof. Dr. Annette Kehnel (Geschichte, Mannheim)
  • Keynote “Der Homo Portans, seine Natur und seine Stellung in der Welt. Anmerkungen zum Thema aus Sicht Arnold Gehlens” von Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg (Kultursoziologie, Dresden).
  • “Tragbare Frauenfiguren aus ganz Europa – Anhänger aus der Altsteinzeit” von Sibylle Wolf M.A. (Ältere Urgeschichte, Tübingen)
  • “Tragende Gottheiten im alttestamentlichen und vorderorientalischen Kontext” von Prof. Dr. Maria Häusl (Theologie, Dresden)
  • “Die getragene Gottheit: Madonna della Bruna in Matera” von Prof. Dr. Cristina Andenna (Mittelalterliche Geschichte, Matera Potenza)
  • “gerere personam Christi: Der Papst als Träger göttlicher Autorität” von Prof. Dr. Agostino Paravicini Bagliani (Kulturgeschichte, Lausanne)
  • “Fasszieher und Karrer – Warenträger in der mittelalterlichen Stadt” von PD Dr. Sabine von Heusinger (Mittelalterliche Geschichte, Mannheim)
  • “Das Steintragen als Schandstrafe für Frauen im Mittelalter” – Dr. Jörg Wettlaufer (Mittelalterliche Geschichte, Kiel)
  • “Tragen als Strafe im 20. Jahrhundert” von Prof. Dr. Peter Steinbach (Zeitgeschichte, Mannheim)
  • “Tragen ist Frauensache und die Erde ist eine Scheibe” von Prof. Dr. Sigrid Schmitz (Gender Studies, Freiburg) und Prof. Dr. Smilla Ebeling (Gender Studies, Oldenburg)
  • “Bonnets, hoods and hats in history and folklore: Little Red Riding Hood as an example” von Prof. Dr. Mirjam Mencej (Anthropologie, Ljubljana)
  • “The White Man’s Burden. Der homo portans im Kolonialismus” Prof. Dr. Johannes Paulmann (Neuere Geschichte, Mannheim)
  • “Der Homo Portans und die Kunst” von Dr. Arie Hartog (Gerhard-Marcks-Haus, Bremen)
  • “Der Homo Portans in Wissenschaft und Öffentlichkeit” von Dr. Christian Holtorf (Hygienemuseum, Dresden)

Posterpräsentation

  • Erfahrungen von den „Etruskern in Bonn“ von Anja Schindler, Klotten
  • “Homo Portans im Museum – eine Potentialanalyse” von Dr. Ulrike Scherzer, Dresden