Beiträge getagged ‘Körper’

Ur- und Frühgeschichte: Homo Portans trägt, was ihn schmückt

27 September 2010

Die ältesten Spuren von Dingen, die „vom Menschen getragen“ wurden, deuten nicht auf funktionale Transportleistungen, sondern vielmehr auf das Tragen bestimmter symbolischer Zeichen am menschlichen Körper hin, die man vermutlich zum Schutz oder als Erkennungszeichen trug. Schmuckfunde jedenfalls sind wesentlich älter als Korb- oder Taschenfunde. Der Mensch war also zunächst „Symbolträger“. Natürlich muss hier in Betracht gezogen werden, dass die ältesten Tragbehältnisse aus vergänglichen Materialien gefertigt wurden.

Es gibt so genannten Kleinkunstfunde, z. B. der Hohle Fels bei Schelklingen im Aachtal (Schwäbische Alb), wo durchbohrte Zähne, Fossilien, Schnecken und Muscheln sowie Scheibenperlen und tropfenförmige Anhänger aus Elfenbein gefunden wurden, die als Schmuck oder auf die Kleidung aufgenäht getragen wurden.

Hier ist auch die neu entdeckte “Venus vom Hohlen Fels” sehr interessant.  Es handelt sich bei dieser Venus ganz eindeutig um ein Objekt mit vollständig erhaltener Öse, die das Stück als Anhänger ausweist.

Hier eine Dokumentation von naturevideo über den Fund der “schwäbischen Venus”:

Evolutionsbiologie: anatomische Voraussetzungen des Homo Portans

27 September 2010

Evolutionsbiologische Voraussetzung für die „Tragefähigkeit“ des Menschen ist der aufrechte Gang auf zwei Beinen (Bipedie). Damit entstehen die anatomischen Voraussetzungen für die Zunahme des menschlichen Gehirnvolumens, für die Ausbildung einer Mund-Kehlkopf-Morphologie, die ihrerseits die vokalisierte Sprache erlaubt, und für die Entwicklung der Laufhand zur Greifhand. Gleichzeitig wird die Wirbelsäule von einem gewölbten Brückenbogen zu einer federnden Säule, die über Schwingungen den verstärkten Druck ausgleichen kann. Die Kombination einer Hand, die greifen kann, mit einer Wirbelsäule, die Druck aushält, ist die Voraussetzung für die Entwicklung der menschlichen „Tragefähigkeit“.

Der Mensch hat mehrere Möglichkeiten und Techniken des Tragens und er versteht es überdies, Objekte zu fertigen, die das Tragen von Dingen erleichtern und effizienteres Tragen möglich machen. Tragebehältnisse – so vermutet der Primatenforscher William McGrew – wurden vom Menschen zunächst eigens für die Mitführung von Nahrung hergestellt.

Der Homo Portans steht am Anfang menschlicher Zivilisationsgeschichte. In ihrer kulturbegründenden Bedeutung ist die menschliche Fähigkeit zu Tragen der menschlichen Fähigkeit zum Werkzeuggebrauch sogar noch voranzustellen. Die Fertigung und der Gebrauch des ersten Faustkeils vor 2,5 Mio. Jahren setzt die Fähigkeit, diesen zu tragen, schon voraus. Auch die Fähigkeit, Feuer zu hüten und Feuer zu machen, die in Lagerfeuerfunden in Südfrankreich vor 800.000 Jahren nachweisbar ist, setzt die Fähigkeit zu tragen schon voraus.

Genderforschung: War Homo Portans eine Frau?

27 September 2010

„Tragen ist Frauensache“, das jedenfalls implizieren zahlreiche Forschungen zur Evolution des Menschen. Frauen – so die Thesen – haben das Tragen erfunden, Frauen haben die Kinder getragen und Frauen sind diejenigen, die bis heute Handtaschen lieben: „Man the hunter – women the gatherer.“ Während die Männer auf der Jagd ihr Leben riskierten, beschäftigten sich die Frauen mit dem Sammeln von Kräutern und Beeren im heimischen Umfeld. Weil sie ihre Kinder tragen mussten, taten sie sich leichter mit der Erfindung von Tragebehältnissen, Taschen, Körben etc.

Diese impliziten genderspezifischen Aspekte wären im Projekt zu berücksichtigen, aber auch zu hinterfragen. Jedenfalls scheint eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Art von Theoriebildung dringend notwendig und angesichts der allgegenwärtigen Gleichstellungsdebatten von hoher gesellschaftlicher Relevanz.

Hier eine Bildergalerie zum Thema “Tragen ist Frauensache”:

(© Fotos: Wilfried Lieb)

Entwicklungsbiologie: der Mensch, ein Tragling, hat das Bedürfnis getragen zu werden

27 September 2010

Der Mensch ist entwicklungsbiologisch ein „Tragling“. Der menschliche Säugling muss nach seiner Geburt das erste Jahr ausschließlich, die ersten drei Lebensjahre überwiegend getragen werden, um zu überleben. Aus dieser entwicklungsbiologischen Tatsache ergeben sich einschlägige Folgen für den erwachsenen Menschen, da in der Traglingsphase wesentliche frühkindliche Prägungen stattfinden. Die Vorstellung, getragen zu werden, bleibt auch für den erwachsenen Menschen unmittelbar verknüpft mit dem Bedürfnis nach Geborgenheit, Zuwendung und Sicherheit. Vermutlich gründet in diesem Zusammenhang die universale menschliche Sehnsucht danach, getragen zu werden. Der Mensch ist einer, der getragen werden möchte, er lässt sich tragen von anderen Menschen, von Pferden, Eseln, Elefanten, in Sänften und Thronen, auf Händen, von den Göttern etc.

Die menschliche „Tragfähigkeit“ wird hier als eine zentrale Kippfigur der menschlichen Kulturgeschichte näher beleuchtet: Der Mensch ist einerseits in der Lage zu tragen, hat aber zugleich das Bedürfnis danach, getragen zu werden, und überdies auch danach, zu tragen – wer trägt, fühlt sich zugleich „belastet“ und sicher oder jedenfalls „nützlich“. Tragen stiftet Sinn.